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Schloss Marienburg Marathon

[liw] Ab einer gewissen Einkommensklasse wird zu Geburtstag mehr als ein Taschenbuch, eine selbstgebastelte Tasche für das Mobiltelefon oder eine Einladung zu einem Essen am Imbiss verschenkt. Besonders im Hochadel fallen die Geschenke extragroß aus. König Georg V. von Hannover überraschte seine Frau Marie zum Beispiel auf ihrem 39. Geburtstag mit dem Schloss Marienburg. Vielleicht fiel dem Blaublütigen aber auch nichts anderes ein, denn Taschenbücher, Handys und McDonalds gab es Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht.

Leider bin ich nicht blaublütig, sondern nur blauäugig - und selbst das nur im übertragenen Sinne. Warum ich das erwähne? Nun, den ersten Schloss Marienburg Marathon am 23. November habe ich unterschätzt. Dabei hätte ich wissen können, was mich erwartet: Das Schloss Marienburg war ein beliebtes Ausflugsziel in meiner Kindheit. Mehrfach habe ich dort die dicken Filzpuschen angezogen, die Fahnen und die Ritterrüstungen bestaunt und aus den Turmfenstern in das Hildesheimer Land geblickt. So war auch meine Erinnerung. Steile Anstiege und matschige Wege muss ich wohl verdrängt haben. Für mich war die Marienburg ein Märchenschloss.

Dabei ist das im neugotischen Stil gebaute Gebäude gerade erst 150 Jahr alt. Das Schloss wurde zusammen mit dem Bahnhof in Nordstemmen gebaut, um der Königsfamilie eine komfortable Anreise zu ermöglichen. Das Königin Marie ihrem Mann Georg V. von diesem Bahnhof in das österreichische Exil folgen musste, nachdem sie gerade mal ein Jahr in der Marienburg gewohnt hatte, war sicher nicht geplant. Danach stand das Schloss 80 Jahre leer und wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg kurzzeitig wieder von den Welfen bewohnt.

Heute gehört das Schloss Ernst August IV. Der Prinz von Hannover ist mir vor allem wegen des Vorfalls am türkischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover in Erinnerung. Seinem kleinen Geschäft folgt 2005 ein großes: Bei Sotheby's lies er über 20000 Kunstgegenstände aus der Marienburg versteigern - zum Entsetzen von Historikern, die den Ausverkauf niedersächsischen Kulturguts beklagten. Der Beliebtheit des Schlosses als Ausflugsziel hat das jedoch nicht geschadet.

Wer das Schloss Marienburg gerne kennen lernen möchte kann es entweder besuchen oder die Werbeblöcke in der Vorweihnachtszeit aufmerksamer als üblich verfolgen. Zurzeit wird dort nämlich eine CD beworben, in der ein schräger Kautz mit Hut mit Poprhythmen unterlegte Klassikmusik an den Hörer bringen will. Ob man so etwas braucht, sei mal dahingestellt, in den Zwischenschnitten des Spots erkennt man sehr schön das Schloss Marienburg.

Der Werbespot wurde zu einer Jahreszeit aufgenommen, als angenehmeres Wetter als heute war. Heute belässt es Petrus bei 5 Grad und Regen: Es regnet fein, dafür dauerhaft. Vom Lauf abhalten ließen sich die Starter nicht. Heiner Schütte, der Initiator des Laufs, war von dem Zuspruch selbst überrascht. Insgesamt waren 470 Teilnehmer gemeldet, davon allein 200 für den Marathon. Neben dem Marathon war auch der Halbmarathon restlos ausgebucht. Und selbst die Stolpertruppe war mit Yacine, Abu und mir relativ gut vertreten. Leider musste Abu auf den Start verzichten.

Heiner hatte seit Anfang des Jahres für den Lauf ordentlich die Werbetrommel gerührt. Ich bin mit ihm beim Öjendorf Marathon eine Weile zusammengelaufen, nachdem er mir durch das T-Shirt des Laufs aufgefallen war. Gleich nach dem Öjendorf-Marathon hatte ich mich angemeldet und wurde mit der niedrigen Startnummer 9 belohnt.

Am Tag des Laufes war ich dann leider knapper dran. Erst kurz vor dem Start war ich am Sportplatz erschienen und mir blieb gerade genug Zeit, meine Startunterlagen abzuholen und mich umzuziehen. Die vielen Bekannten konnte ich daher nur kurz begrüßen.

Der Marathon wurde mit den Nebenwettbewerben um 10 Uhr gestartet. Yacine startet im vorderen, den Schnelleren vorbehaltenen Feld. Ich blieb lieber hinten. Schon nach dem Montagstraining mit Klaus auf der langen Runde war ich ziemlich kaputt und darum nicht ganz so optimistisch für heute. Doch zunächst lief es besser als erwartet. Es ging flach los. Die erste Steigung lässt nicht lange auf sich warten. Der Brücke über die B 3 folgt ein langer Anstieg durch die Feldmark, der sich anschließend flacher im Wald fortsetzt. Auf diesem dritten Kilometer bekommen wir einen leichten Vorgeschmack auf das, was wir im Verlauf des Vormittags immer intensiver erleben werden: glitschiges Laub und rutschiger Matsch. Oder war es rutschiges Laub und glitschiger Matsch? Schon jetzt schimpfte eine Läuferin vor mir, dass sie solchen Streckenuntergrund gar nicht mag.

Die Marathonläufer müssen die Strecke zweimal durchlaufen. Sie besteht jeweils aus zwei kleineren Runden, die durch ein paralleles Stück von nicht ganz 3 Kilometern verbunden sind. Auf der ersten Schleife dieser Acht umlaufen wir das Schloss. Auf der zweiten Hälfte der Acht werden wir westlich vom Startort Adensen das Hallerburger Holz umrunden.

Im Wald verlieren wir die gerade eroberten Höhenmeter. Vom Ufer der Leine wehen Geräusche des Kieswerks den Hang hinauf. Oder kommen sie vom Läufer hinter mir? Er schnauft und keucht so, wie die Fernwärmeleitung in der Nähe meiner Arbeitsstelle - ich fühle mich gleich heimisch.

Ein kurzes Stück folgen wir der Kreisstraße 209 und werden am Besucherparkplatz des Schlosses steil nach oben in den Wald geschickt. Hier gehen viele, ein kleiner Rest versucht es laufend; schneller sind sie dadurch nicht. Auf etwas mehr als einem Kilometer werden wir etwa 90 Höhenmeter bis zum höchsten Punkt zum Marienberg aufsteigen. Das Geläuf ist matschig, bei jedem Schritt rutsch man mit Glück nach rechts oder links, meist aber ein kleines Stück zurück. Trotz aller Klagen und trotz allen Jammerns: Wir hatten es doch genauso bestellt. Ein Landschaftslauf im November muss doch so sein, oder?

Schon bald sind die Schlosstürme durch die nebelumhüllten Bäume zu erkennen. Ein kurzer, steiler Anstieg trennt uns vom Schlosstor, an dem uns der Zwergenkönig begrüßt. Der Sage nach füllte er einem Musikanten aus Elze, der den Zwergen eine Nacht lang zum Tanze aufspielte, die Taschen mit der Auflage, nicht eher hineinzuschauen, bevor er zu Hause sei; er werde dann ein reicher Mann sein. Selbstverständlich konnte der Musikant es nicht abwarten, griff früher in die Tasche und hatte statt Reichtum nur Pferdeäpfel in der Hand. Die Taschen des im Schlosshof aufspielenden Dudelsackpfeifers hingen auffällig tief. Sollte er mit dem Zwergenkönig ...?

Gäbe es einen Preis für den schönsten Verpflegungsstand, der im Schlosshof hätte große Chancen zu gewinnen. Nicht unbedingt wegen seines Angebots, er punktet mit Ambiente und der Freundlichkeit der Helfer. Daher dauert mein Aufenthalt auch etwas länger, im Innenhof gibt es viel zu sehen und zu fotografieren.

Nach zwei Kilometern mit etwas Auf-und-ab durch den Wald, sind wir wieder auf dem Feldweg, der uns vor fünf Kilometern schon in den Wald hinein geführt hat. Auf direktem Weg laufen wir auf ihm zurück nach Adensen.

Am Kreuzungspunkt der beiden Runden ist Stimmung. Die Imbissstände sind gut besucht und Zuschauer applaudieren den sporadisch eintreffenden Läufern. Die Sportler wirken dazwischen etwas verloren, trinken ein paar Becher Tee, Iso oder Wasser, greifen bei Bananen, Äpfeln und Lebkuchensternen zu und trollen sich auf den Rest der Strecke. Das Ziel liegt etwas versteckt neben einer Sporthalle und ist im Moment noch verwaist. Frühestens in 20 Minuten werden die ersten Finisher des Halbmarathon erwartet.

Auch auf mich warten noch über 30 Kilometer, nachdem der Moderator meinen Durchlauf bekannt gibt. Außerhalb des Startbereichs wirkt das Dorf ausgestorben. Erst am Ende einer Wohnsiedlung stehen beim Übergang in den Feldweg wieder Fans, die uns mit der großen Kulisse eines Stadtmarathons empfangen. Mit dem unvermeidlichen Jetzt-umkehren-wäre- blöd-Plakat, Tröten und den mit Namen beschrifteten Fahrweg feiern sie die lokalen Laufgrößen - aber auch wir Fremden werden bedacht, auch wenn wir nicht Karsten, Lutz oder Ingo heißen.

Auf dem Pussenweg geht es durch die Felder. Am Wegesrand besucht ein restaurierter MAN Ackerdiesel auf der Sonntagsspazierfahrt seine ehemalige Arbeitsstätte. Wir biegen hinter dem Trecker links ab in das Hallerburger Holz. Dieser Wald sollte zwischen 1972 und 1990 in einen Urwald zurückentwickelt werden; dann wurde das Projekt eingestellt, zum Landschaftsschutzgebiet gehört er heute noch.

Nachdem der Wald durchquert ist, verläuft die Strecke in einem weiten Bogen um ein größeres Feld. Aus der Ferne erkennt man auf der gegenüberliegenden Seite die anderen Läufer, die dieses Stück schon hinter sich haben und dort erneut in den Wald verschwinden. Ob die Spitzengruppe zurückblickt und froh ist, diesen Abschnitt hinter sich zu haben? Ich werde es wissen, wenn ich gleich dort bin. Doch zunächst lasse ich mich am ersten Eckpunkt noch einmal verpflegen. Etwas später weiß ich: Ja, es tut gut zurück zu blicken und zu sehen, dass dort, wo ich eben noch gelaufen bin, tatsächlich immer noch eine nennenswerte Anzahl von Läufern zu sehen sind. Auch die Fernwärmeleitung muss wieder in meiner Nähe sein, ich höre jemanden zischen und schnauben.

Mein Interesse hat aber ein Läufer mit einer grünen Kopfbedeckung erweckt, den ich etwa 200 Meter vor mir im Wald verschwinden sehe. Ich versuche, zu ihm aufzulaufen. Blöd nur, dass es am Waldrand nun etwas bergab geht und alle etwas schneller werden. Doch es gelingt mir und meine Vermutung bestätigt sich: Doc Shorty von den CaBaNauTeN läuft ebenfalls mit - oder sagen wir mal so: im Moment fotografiert er die berittenen Sanitäterinnen. Wir unterhalten uns kurz, da er aber heute nach einigen Wochen Pause seinen ersten langen Lauf macht, will er nicht so schnell laufen und zurück bleiben. Worte, die andeuten, dass ich zu schnell laufe, habe ich in der letzten Zeit selten gehört. Danke Shorty, das tut gut! Die Kilometerschilder 18 und 19 kündigen das Ende der ersten Runde an. Und schon bald sind die ersten Häuser von Hallerburg zu sehen. Von dort haben die Halbmarathonläufer noch etwa einen Kilometer zu laufen.

Zum ersten Mal ist eine Prognose für meine Zielzeit möglich. Für die erste Runde habe ich deutlich über zwei Stunden gebraucht. Eine bessere Zeit als 4:40 Std. kann ich nicht erwarten, selbst wenn es optimal laufen würde. Die ersten kommen mir schon entgegen - mit einem Vorsprung von etwa 10 Kilometern! Lange lässt auch Yacine nicht auf sich warten, auf der Brücke über die B 3 erkenne ich ihn so rechtzeitig, dass ich noch ein Foto von ihm machen kann. Er revanchiert sich, indem er mich fotografiert und dadurch gleich zwei Plätze verliert, weil andere Läufer seine kurze Pause zum Überholen ausnutzen.

Die Steigungen auf der zweiten Runde sind wie immer größer. Ich werde langsamer. Schlurfe. Im Wald muss ich darauf acht geben, dabei nicht über die aus dem Boden ragenden Wurzeln zu stürzen. Den steilen Anstieg zum Schloss gehe ich.

Oben im Schloss ist nachmittäglicher Besucherverkehr, der sich mittlerweile nicht nur für das historische Gemäuer interessiert, sondern auch am Laufgeschehen Anteil nimmt. Ich unterhalte mich mit einer kleinen Gruppe, die weibliche Teilnehmer am Lauf vermissen. Stimmt, aber ich weiß definitiv, dass das auch Frauen am Start waren. Also behaupte ich einfach, sie waren alle schneller als wir alten Zausel - und wenn ich mir die Ergebnisliste ansehe, schien ich auch recht gehabt zu haben.

Nach der Halbrunde um das Schloss komme ich zum vierten Mal am Ausgangspunkt an. Im Zielbereich erholen sich schon die ersten Marathonis und tragen stolz ihre Medaillen um den Hals. Der erste ist bereits nach knapp unter drei Stunden in das Ziel gekommen. Jetzt, eine halbe Stunde nachdem Oliver Sebrantke das Ziel erreicht hat, beendet das Hauptfeld seinen Lauf und wird von den Zuschauern begeistert empfangen. Das sie dabei den langsameren Läufern den Weg auf die letzten 10 Kilometer versperren, merken sie garnicht.

Wir Übriggebliebenen schleppen uns mühsam durch die Feldmark. Von unserer losen Gruppe ist mal der eine vorne, dann wieder der andere. Jeder Überholvorgang wird aber mit einem "Man, bin ich fertig!" oder mit verdrehten Augen bestätigt, die dasselbe sagen sollen. Wenn uns ein unbeteiligter Dritter beobachten sollte, würde er nicht glauben, dass uns das Laufen Spaß macht. Ich zweifel zeitweise auch daran. Aber nicht nur im Gelände, auch in der Motivation gilt: Den Tiefen folgen wieder Höhen. Und je näher das Ziel rückt, desto motivierter werden wir. Zu einem regelrechten Endspurt, wie bei einigen in meiner Umgebung, reicht es bei mir dennoch nicht.

Ich rechne, ob es noch für eine Zeit unter fünf Stunden reicht. Weil meine Uhr nicht sofort vom Start an mitlief, fehlt mir einer unbekannter Zeitraum auf der Anzeige fehlt. Das es knapp wird, ist trotzdem offensichtlich. Ich verwässere mein Minimalziel zu: Ich möchte noch bei Hellem in das Ziel kommen! Vom Ortsteil Hallerburg zeigt meine Uhr schon fast 5 Std. Laufzeit an. Das wird wohl nichts mehr. Am Ende fehlen mir läppische 76 Sekunden für die kosmetisch schöne 4 an der ersten Stelle. Yacine war schon nach 3:50 Std. im Ziel. Da ich aber noch besser als langsam laufen meine Ergebnisse schön rechnen kann, sehe ich es relativ. In Frankfurt war ich noch 1:13 Std. hinter Yacines Fabelzeit von 2:59 Std., heute ist der Vorsprung schon auf 1:11 Std. zusammengeschmolzen. Kein Grund unzufrieden zu sein. Und außerdem: Es ist noch hell, Ziel erreicht.

Zum Glück sind die Duschen schön warm und in der Kabine kleiden sich noch viele Mitläufer um, sodass ich garnicht das Gefühl eines Nachzüglers haben muss. Ich treffe sogar noch einen Laufbegleiter von Nova und mir von den 100 Meilen in Berlin. Schön, unverhofft Bekannte wieder zu treffen. Auch Shorty ist im Ziel, er ist wie ich auf den Weg zum Parkplatz und meint, ich könne ruhig richtig auftreten. Irgendwie scheint mein Gehstil an Eleganz verloren zu haben, das ist im Moment leider nicht zu ändern.

Trotz aller Anstrengungen war der Schloss Marienburg Marathon schön. Und mit etwas besseren Wetter, ein kleines bisschen weniger Matsch und einer Idee mehr Training könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden.

Die Fakten

  • Schloss Marienburg Marathon
  • Start am 23.11.2013 um 10:00 Uhr
  • 42,195 Kilometer
  • 176 Finisher
  • Zeit der ersten Frau: 03:24:37
  • Zeit des ersten Mannes: 02:57:15
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

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