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Heide-Ultra-Trail

[liw] Freunde und Bekannte in meinem Alter haben bei der Lüneburger Heide alle ähnliche Assoziationen wie ich: Roy Black, Honig und langweilige Ausflüge, an denen man als Schüler, Kind oder in einer Jugendgruppe teilnehmen musste. Die meisten haben dank dieser Erinnerungen die Heide freiwillig nie wieder aufgesucht.

Ich fand, fast vierzig Jahre nach diesen einschneidenden Eindrücken war es endlich mal Zeit, sich von festsitzenden Vorurteilen zu trennen: Ich meldete mich zum Heide-Ultra-Trail in Schneverdingen an! Dieser Lauf wird von Klaus Meyer veranstaltet, mit dem ich Anfang des Jahres beim Eisenzwerg am Start war. Damals hatte er mich am ersten VP überholt, als ich mich dort mal wieder etwas länger als üblich aufhielt. Dieses Risiko würde bei diesem 80-Kilometer-Lauf nicht so oft bestehen, denn es waren nur drei Verpflegungspunkte vorgesehen. Darüber hinaus gehende Verpflegung musste man mitnehmen oder sich in der Ausflugsgastronomie besorgen. Das ist bei Läufen diesen Schlages nicht unüblich und Teil des Spaßes.

Meine Heideabstinenz war vielleicht insofern erstaunlich, weil das Ausflugsziel fast unmittelbar vor unserer Haustür liegt. Hinzu kommt, dass Ultra-Läufe im Norden (zumindest gefühlt) selten angeboten werden. Eine solche Ausnahme waren die von Jürgen Meinberg organisierten Heide-Elbe-Ultraläufe in den Jahren 2008 und 2009, die ebenfalls sehr schön waren, aber weder durch die typische Heidelandschaft, noch zur Elbe führten.

Der Start war für 7 Uhr in Schneverdingen angesetzt, ich traf an der Sporthalle in der Harburger Straße so knapp ein, dass ich gerade die unmittelbaren Startvorbereitungen noch erledigen konnte. Die Wetterprognose für den heutigen Tag war nicht ideal, im Moment machte es aber einen guten Eindruck, sodass sich darauf verzichtete, die Drop-bag abzugeben. Es war ein kleiner Starterkreis. Die neun Angemeldeten hatten sich auf sechs reduziert, diese waren aber hochmotiviert und machten den Eindruck, sich auf den Lauf zu freuen. Es gab auch keinen Grund, warum wir das nicht tun sollte: Wir waren nett empfangen worden und Klaus hatte sogar ein kleines Frühstück organisiert. Perfekt!

Nach dem Start blieb die kleine Gruppe zusammen. Meine Zeit vom Rennsteig vor Augen, kalkulierte ich eine erwartete Endzeit von zehn, zehneinhalb Stunden. Der Lauf in der Heide war zwar etwas länger, dafür hatte er deutlich weniger Höhenmeter, 750 davon wollten überwunden werden. Unsere Gruppe lief mit einem Kilometerschnitt von 6:15 min. Das passte ganz hervorragend zu meinem Ziel und auch die Erzählungen von Läufen, an denen die Teilnehmer teilgenommen hatten, ließen vermuten, dass so schnell keine Langeweile aufkommen werde. Allein die beabsichtigte Teilnahme von Manfred und Michael am Marathon des Sables im nächsten Jahr würde für viele Stunden spannender Unterhaltung sorgen.

Es blieb daher kurzweilig, wir rissen die Kilometer runter, unsere Aufmerksamkeit ließ aber nach. Deshalb übersahen wir den Abzweig nach rechts, einem Weg, der mit "Durchgang verboten" beschildert war. Erst später sahen wir die orangefarbene Markierung, mit denen Klaus markante Punkte gekennzeichnet hatte. Doch was nutzte es, nun waren wir erstmal auf dem falschen Weg. Erst die Frage nach einem Berg, der nicht auf der regulären Strecke lag, machte uns bösgläubig. Ein Blick auf das GPS genügte um festzustellen, dass wir uns etwa 1 Kilometer von der Strecke entfernt hatten und geradewegs auf den Verpflegungspunkt 3 zubewegten (den wir eigentlich erst bei km 65 anlaufen sollten). Mit einer so dramatischen Abkürzung hätten wir zwar die All-Time-Best Zeit erzielen können, dann aber auch 50 Kilometer zu wenig auf dem Tacho gehabt.

Da der Umweg landschaftlich schön war (und in einer frühen Phase des Laufs passierte), nahm diese Zusatzkilometer niemand krumm.

Am ersten Verpflegungspunkt bei km 17 warteten 6 Flaschen Wasser auf uns. Nach einer kurzen Rast und mit frisch gefüllten Trinkblasen setzten wir unseren Lauf fort. Von hier führte uns der Weg in fast gerader Linie zum Totengrund. An den Steigungen brach unsere Gruppe auseinander. Unser Weg folgte dem oberen Rand des Talkessels und bot einen fantastischen Ausblick auf die Heidelandschaft. Hier sah es so wie auf Omas Bild über dem Sofa im Wohnzimmer aus. Doch bald wird Oma auf ihrem Wandschmuck Windkraftanlagen ergänzen müssen!. Außerhalb des Naturschutzparks Lüneburger Heide, aber in Sichtweite vom Totengrund sollen fast zweihundert Meter hohe Windkraftanlagen gebaut werden; das Panorama sähe dann deutlich anders aus. Der Verein Naturschutzpark e.V. versucht, den Bau zu verhindern.

Am Aussichtspunkt trafen wir uns wieder und setzten unseren Weg nach Wilsede gemeinsam fort. Verlaufen kann man sich in der Heide schon deshalb nicht, weil an jedem Wegweiser mindestens ein Richtungspfeil nach Wilsede weißt. Hierher würde man also immer zurück finden. Im Moment sind wir die einzigen Passanten auf Wilsedes Straßen, die an schönen Heidehöfen mit üppigen Grundstücken vorbei führen. Im August und September, wenn die Heide blüht, empfängt der kleine Ort bis zu 10000 Besucher pro Tag. Den Rest des Jahres bleiben die knapp fünfzig Einwohner weitgehend unter sich.

Kurz vor Sellhorn müssen wir scharf nach links abbiegen. In Sichtweite vor mir sehe ich Martina laufen, von Michael, Manfred, Tom und Peter ist nichts zu sehen. Das ändert sich ein paar Minuten später, sie laufen von hinten auf mich auf. Die vier hatten sich abermals verlaufen, konnten den Abstand aber schnell wieder aufholen.

Aus der Ferne ist die Autobahn A 7 zu hören. Je näher wir ihr kommen, desto lauter wird der Verkehrslärm. Eine alte Kopfsteinpflasterstraße, über die schon lange kein Fahrzeug mehr gefahren zu sein scheint, führt uns auf die Autobahnbrücke. Es herrscht reger Verkehr zwischen Hamburg und Hannover. Als eiliger Autofahrer hat man keine Vorstellung, wie schön es rechts und links der Autobahn sein könnte - wenn der Lärm nicht wäre.

In der Ortsmitte von Hörpel befindet sich der zweite, überraschend gut ausgestattete Verpflegungsstand: Brötchen, Kuchen, Iso. Wir brechen zwar gemeinsam von hier wieder auf, ich bleibe aber noch im Ort zurück, irgendwie fehlt mir die Motivation und Kraft. Es ist einer dieser Tage, an denen man ohne erkennbaren Grund schlaff ist - und das gerade beim kritischen Kilometer 32.

Wir überqueren erneut die Autobahn und laufen eine kleine Schleife entlang der Aue, einem verwunschenen Bach, der sich hier durch die Heide mäandert und hinter Jesteburg in der Seeve mündet.

Von Döhle führt der Weg über den Alten Postweg und den Pastor-Bode-Weg nach Undeloh. Heide pur. Undeloh ist der Kulminationspunkt von allem, was mit Heide zu tun hat - und Kilometer 44 auf unserer Strecke. Kutschfahrten, Wandern, Reiten, Buchweizentorte und das multimediale Heide-Erlebnis-Zentrum bieten genug Zerstreuung für den interessierten Gast. Bis zum dritten Verpflegungspunkt habe ich aber noch einen Halbmarathon vor mir und auf dem Weg dorthin vermutlich nicht die Möglichkeit nachzutanken. Deshalb widerstehe ich allen anderen Verlockungen und lasse ich mich an einem Kiosk zu einem gekühlten Getränk nieder.

Eine Flasche alkoholfreien Bieres wird für 2,50 Euro offeriert, das ist nicht zu teuer. Und hätte man auch hier nicht das Problem der deutschen Kleingastronomie (das mir nur aus Italien zu Zeiten der Lire bekannt war), nämlich nie genügend Wechselgeld zu haben, wäre unsere Transaktion auch schnell abgewickelt. Durch übertriebenes Zählen der Kassenbestände versuchte mir die Verkäuferin eindringlich zu demonstrieren, dass sie nicht rausgeben kann. Es ist kurz vor 14 Uhr. Ab 14 Uhr, so wurde es auf einem Aufsteller vor dem Lokal angepriesen, gab es "Ofenfrischer Butterkuchen". Bevor ich mir mein Wechselgeld in Butterkuchen rausgeben lasse, versuche ich, bei den anderen Gästen meinen Schein zu wechseln. Das gelingt, ein Fünf-Euro-Schein wechselte gegen zwei Clausthaler den Besitzer und machte einen durstigen Läufer glücklich.

Am Himmel braute sich was zusammen. Was hier vor sich hin grollte, kam sicher nicht vom Verschieben eines Schranks. Der Wetterbericht hatte für heute Gewitter angekündigt, bisher war es aber schön und sonnig, sodass ich diese Prognose vollkommen verdrängt hatte. Also machte ich mich lieber auf den Weg, um möglichst viel der noch vor mir liegenden 36 Kilometer vor dem großen Regen zu schaffen.

Im tiefen Bass trieb mich der Himmel an: "Lauf schneller! Lauf schneller!" Es begann nicht zu regnen. Die wenigen Wanderer, die mir begegneten, hatten auch keine besondere Eile. Eine kleine Gruppe Wanderer, die den Sprachlauten nach irgendwo nördlich von Flensburg zuhause sein müssten, grüßten mich mit "Grüß Gott!" Das war nett, gerne erwiderte ich ihren Gruß; wenn ich mir auch sicher war, mich nicht so weit südlich verlaufen zu haben. Doch ich lag falsch! Denn nun folgte der alpine Aufstieg zum höchsten Punkt der Laufs: auf den Gipfel des Wilseder Bergs. Mit 169,2 Metern ist er die höchste Erhebung der Lüneburger Heide. Carl Friederich Gauß orientierte sich am Wilseder Berg bei der Landvermessung des Königreichs Hannover. Auf dem 10 DM-Schein der letzten Notenserie der Bundesbank war der Berggipfel als ein Punkt der Triangulation abgebildet.

Ich machte ein Foto, verließ aber bald den Berg, weil hier oben doch ein kräftiger Wind wehte. Die Sonne hatte sich fast vollständig hinter den Wollen versteckt, es war nach wie vor nicht kalt, im Wind aber nicht sehr angenehm. Außerdem fühle ich mich kaputt. Ich überlege, ob ich den Lauf am VP 3 abbreche oder wenigstens abzukürzen. Ich verwarf diese Alternativen: "Lieber tot als DNF!"

Eine der Möglichkeiten abzukürzen, böte die fast 5 Kilometer lange Runde um den Eickhofforst, der trotz des Namens ein nahezu unbewaldetes Areal ist. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden wie hier viele Flächen in der Heide aufgeforstet. Der nördliche Teil des Waldes brannte mehrfach ab, während die Fichten auf dem südlichen Teil später gerodet wurden, um die ursprüngliche Heide-Kulturlandschaft wiederzubeleben. Die Heide, deren Samen bis zu 100 Jahre im Boden keimfähig bleibt, siedelt sich selbst wieder an. Um die Idylle perfekt zu machen, weidete dort eine Herde Heidschnucken.

Überall entlang des Weges wuchsen in solchen Mengen Heidelbeeren, das sie für mehrere Obsttorten gereicht hätten. Pflücken fällt aus, weil die Wege nicht verlassen werden dürfen und sobald man stehen bleibt, Fliegen und andere Insekten den Sammler interessanter finden als ich Heidelbeertorte - und das will schon was heißen! Also lieber weiter laufen, dann stören sie wenigstens nicht so.

Leider musste ich jetzt immer öfter Gehpausen einlegen. Gerade auf den mit Wurzeln durchsetzten Sandwegen scheute ich zu laufen. Stolpergefahr! Ich dankte denen, die Inge eine Bank auf dem Bolterberg schenkten, genau an der Stelle, an der ich eine Sitzgelegenheit brauchte. Nach einer kurzen Rast ging ich die nächste Schleife durch das Oberhaverbacker Holz an.

Auf fünf Kilometern führte der Weg nach Oberhaverbeck - teilweise auf Asphalt, teilweise auf Wegen, die als solche kaum noch zu erkennen waren. Wie viele Orte in der Heide ist Oberhaverbeck als solcher nicht zu erkennen. Ein paar Andenkenläden und der große Parkplatz ließen vermuten, dass es Zeiten gibt, zu denen hier mehr los ist. An diesem Sonnabend mit der schlechten Wetterprognose war der Platz verwaist - allerdings war es auch schon fast 18 Uhr: Der normale Ausflügler saß schon beim Abendbrot oder freute sich auf das WM-Spiel Brasilien gegen Chile. Ich fülle am dritten und letzte Verpflegungspunkt meine seit etwa fünf Kilometern leere Trinkblase auf. Frisch gefüllt fiel es mir leicht, die letzten 15 Kilometer anzugehen (na ja, nicht ganz).

Der Walter-von-der-Vogelweide-Rundwanderweg führte am Waldesrand entlang zu einer Ringwallanlage aus dem Mittelalter. Hätte dort nicht das Hinweisschild gestanden, wäre ich achtlos an dem mit Gestrüpp bewachsenen kleinen Damm vorbei gelaufen. Man vermutet, dass diese Wallanlage als Zollstation auf dem Weg vom Stift Verden nach Winsen/Luhe diente. Neben den fiskalen Aspekten meiner Heimatstadt war mir der Punkt aus zwei weiteren Gründen wichtig: Ich konnte auf das letzte Kartenblatt wechseln und mir blieb nur noch eine einstellige Kilometerzahl zu laufen. Der ein kleines Feuchtgebiet überbrückende Steg leitete die letzten Kilometer ein.

Bei km 75 querte ich ein letztes Mal zu Fuß die B3. Die Verkehrsschilder versprachen, Schneverdingen in nur 3 Kilometern zu erreichen. Klaus' Streckenführung sah noch einen Weg durch das Heide-Nacherholungsgebiet im Osten Schneverdingens vor. Wie spät es mittlerweile war, wusste ich nicht, weil der Akku meines Garmins nach 12 Stunden versiegt war.

Lange konnte es nicht mehr dauern, denn Gittermasten kündeten die nahe Stadt an. Nach einem kurzen Stück durch die Stadt, das mit dem Auftakt heute Morgen identisch war, traf ich endlich in der Sporthalle ein. Es war mir richtig peinlich, dass Klaus so lange auf mich hat warten müssen. Aber als ich hörte, dass ich Dritter sei und das Michael und Manfred als Sieger 11:59 Std. benötigten, war ich doch ganz zufrieden mit mir. Drei Mitläufer mussten das Rennen leider vor dem Ziel abbrechen.

Trotz der langen Dauer: Der Lauf war schön, perfekt organisiert und wenn Klaus sich durchringen kann, den Ultra ein weiteres Mal zu organisieren, wäre ich gerne wieder dabei. Eine viel größere Teilnehmerzahl hat der Lauf auf alle Fälle verdient. Dies gesagt, besiegelten es Klaus und ich noch mit einem alkoholfreien Bier und warten jetzt auf das Ultra-Abenteuer im nächsten Jahr.

Die Fakten

  • Heide Ultra Trail
  • Schneverdingen
  • 80 km
  • 3 Verpflegungsstellen
  • 3 Finisher (6 Starter)

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