Der raue Lauf im Norden
(liw) Sonnabendmorgens stellt man sich immer dieselbe Frage: Was mache ich denn heute? Laufen. Klar, aber wo? Mal überlegen, wo ist denn das Wetter am schlechtesten? Wo weht der stärkste Wind und - noch wichtiger - wo regnet es dazu? In Kiel! Natürlich, wo sonst. Also, nichts wie hin.
So ganz spontan war mein Entschluss, dieses Jahr wieder in Kiel zu laufen, dann doch nicht. Bei dem Wetter auf dem Weg nach Kiel zweifelte ich aber stark, ob das klug war. Weltuntergangsstimmung ist übertrieben, aber nicht sehr. Eigentlich war alles über Kiel gesagt. Eigentlich.
Dem Treuen winkt das Glück und deswegen, Überraschung Nummer 1, hat bei der Ankunft am Oslokai der Regen fast aufgehört. Überraschung Nummer 2: Dieses Jahr wird keine Parkgebühr kassiert. Die Startunterlagen gibt es in gewohnt kurzer Zeit, da bleibt noch genug Freizeit übrig, ein paar Laufausschreibungen für den Stadt- und Deichlauf zu verteilen. Die finden auch gleich dankbare Abnehmer. Nachdem die warmen Semmel in Form der Ausschreibungen weg sind, hole ich mir noch einen Kaffee dazu und bereite mich aufs Umkleiden vor.
Zum ersten Mal laufe ich auf einer Veranstaltung, die den so genannten EasyChip einsetzt. Dabei handelt es sich um einen Einwegchip, der mit Antenne in einem dünnen Plastikblatt eingearbeitet ist. Dies bindet man einfach mit den Schnürsenkeln fest, einfacher geht es nicht. Es entfallen auch die sonst bei der Davengo-Zeitmessung üblichen Antennentore und die Startnummer ist nicht mehr so fest und sperrig.
Die Powerschnecken mussten in diesem Jahr die Strecke ändern, da der Hindenburgdamm am oberen Ende der Strecke gesperrt war. Also ging es von Start nur 2,5 Kilometer bis zum Seebad und bis zum Weltwirtschaftsinstitut auf derselben Strecke wieder ein kurzes Stück zurück. Dort biegen wir in diesem Jahr nach rechts ab und laufen vor den Ministerien den Düsterbrooker Weg entlang. Die geänderte Strecke ist interessanter und vorm Landwirtschaftsministerium schaut uns sogar ein Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 1956 und 1960 zu. Der ist aber aus Bronze, hat vier Beine und ist ein Pferd. Dem Holsteiner Meteor wurde hier ein Denkmal gesetzt.
Für den Ostseestrand ist der neue Streckenabschnitt überraschend wellig. Ganz glaube ich dem Garmin nicht, der für die Gesamtstrecke 330 Höhenmeter anzeigte, aber spürbar waren die Hügel schon. Ab der Kunsthalle sind wir wieder auf der alten Strecke, das heißt, es geht am Oslokai vorbei, wir lassen den Neubau des Schwedenkais links liegen und wenden an Hafen-Haus. Der Rückweg zum Oslokai schließt die sieben Kilometer lange Runde ab. Beim Schwedenkai sehe ich einen Aufseher Strafzettel an parkende Autos verteilen. Auch weia, war das vermeintlich kostenlose Parken ein Irrtum?
Zweiundvierzeig geteilt durch sieben gibt sechs Runden, statt vier auf der Originalstrecke. Trotzdem ist es heute kurzweiliger als sonst. Wenn es nach mir ginge, könnte dies die Standardstrecke werden - geht es aber nicht, denn der Sprecher kündigt schon an, dass es im nächsten Jahr wieder auf die 10er-Runde geht. Schade.
Schon letztes Jahr sind mir die vielen Plakate an der Strecke aufgefallen. Auch dieses Jahr gibt es allerhand Interessantes unterwegs zu lesen. Beworben wird neben dem Kieler Umschlag auch eine Razzident-Party. Darunter kann ich mir nun Garnichts vorstellen. Razzident klingt ein wenig nach einer Kinderzahnpasta. Dazu passt aber nicht der veranstaltende Bacardi-Club - und auf den Bildern im Internet unter diesem Suchbegriff sehe ich auch niemanden, der seine Zähne putzt. Egal, alles muss ich nicht mehr kennen, schließlich laufe ich zum ersten Mal in der M 50. Mal sehn, ob hier wenigstens sonst auf das Alter Rücksicht genommen wird.
Irgendwann starten die Halbmarathonis und machen die Strecke voller. Die unterschiedlichsten Typen bevölkern jetzt die Strecke, von schnellen Profis bis langsamen Erstläufern. Darunter sind auch sehr viele Skandinavier - sicher auch, weil die Schweden- und Norwegenfähren fast am Startbereich anlegen und Dänemark nur ca. 90 Kilometer entfernt ist. Zwei dieser Mitläufer fallen mir durch ihr T-Shirt besonders auf. The drinking club with a runnig problem, steht bei ihnen auf dem Rücken. Mir fallen spontan einige Laufkumpels ein, die sicher gerne in diesem Club Mitglied wären.
Da der Wind weiterhin stark weht und kühlt, tut der reichlich angebotene warme Tee gut. Der Tee schwappt leider beim laufend trinken etwas über und klebt, als ob man einem dutzend kleiner Kindern auf dem Kindergeburtstag nach dem Kuchen essen die Hand gegeben hat. Es gibt Schlimmeres, so hatte ich aufgrund des durch das Wetter nur eingeschränkt möglichen Trainings mit Konditionsproblemen gerechnet. Im Großen und Ganzen fühle ich mich noch überraschend gut und orientiere mich an einigen der Halbmarathonläufer. Das verhindert zwar nicht, dass ich auf der zweiten Hälfte langsamer werde, mit der Zielzeit von 3:48 Stunden bin ich nur vier Minuten langsamer als 2009 und sehr zufrieden.
Im Ziel gibt es noch eine (Power-) Schnecke aus Lakritze von Haribo, was wohl für Hälet arum ibel bo orum stehen soll - oder auf deutsch: Auf Wiedersehen bis zum nächsten Jahr. Ach ja, es gab keine Strafzettel, das Parken am Oslokai war frei!
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Die Fakten
- 16. famila Kiel Marathon
- Start am 27.02.2010, 10:10 Uhr
- Lauf entlang der Kieler Förde
- Länge 42,195 Km
- 6 Runden, z.T. Wendestrecke
- 203 Finisher, 26 Frauen und 177 Männer
- Siegerzeit Frauen 2:56:01 (neuer Rekord), Siegerzeit Männer 2:43:23
- Letzte Frau im Ziel 5:16:45, letzter Mann im Ziel 5:42:16
- Anmeldung über Website der Powerschnecken
Startnummer
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