Elbe Geest Wochenblatt, 08.05.2004

Von Euphorie und schweren Beinen

10,8 Kilometer zwischen Leiden und Triumph: WOCHENBLATT-Redakteur Lars Wiezorek versuchte sich als Volksläufer

Das Herz pocht schneller, der Puls rast - für einen Volkslauf nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist allerdings, daß diese Symptome schon vor dem Startschuß auftreten. Aber das erste Mal ist eben immer etwas ganz Besonderes. Und für WOCHENBLATT-Redakteur Lars Wiezorek war der Winsener Volkslauf eine Premiere:

Ich wollte am eigenen Leib feststellen, wieso so viele Menschen mit solcher Begeisterung in jedem Frühjahr Kilometer fressen. Aber genauso groß wie die Neugierde waren auch die Bedenken. Denn: Eigentlich war nur die Teilnahme am Sechs-Kilometer-Lauf geplant Dank guten Zuredens von sogenannten Freunden stand ich aber plötzlich auf der Liste für die 10,8-Kilometer. Da war natürlich perfekte Vorbereitung gefragt.

Und genau da begannen die Probleme. Um zu wissen, daß viel Kaffee, Fast Food und gelegentliches Joggen am Wochenende keine optimalen Voraussetzungen sind, brauchte ich kein Trainerdiplom.

Aber nach dem Abholen der Startnummer gab es kein Zurück mehr Das Ziel war klar: Hauptsache ankommen. Nur wie, da war die große Frage. Am besten erst einmal ganz langsam anfangen, sich eine Gruppe suchen und dann hinten dranhängen. Toller Plan, nur schade, daß die anderen Läufer da nicht mitspielten. Entweder zu schnell oder zu langsam das passende Tempo hatte keiner.

Egal, also dann eben alleine los und das Beste hoffen. Erstaunlicherweise schienen die Sorgen anfangs unbegründet. Selbst für die wunderschöne Umgebung auf dem Stöckter Deich hatte ich noch Augen. Das Interesse an der Natur und die Freude am strahlenden Sonnenschein waren aber nur von kurzer Dauer. Beim Vier-Kilometer-Schild der erste Rückschlag. "Ich muß doch schon fast die Hälfte gelaufen sein", schoß es mir durch den Kopf Dieser Irrtum ließ die Beine zentnerschwer werden und das pfeifende Keuchen, über das ich grinste, stammte von mir selbst.

Dann ein Hoffnungsschimmer - die Wendemarke: Dort warteten freiwillige Helfer mit Getränken. Endlich eine kühle Erfrischung. Aber selbst die brachte Probleme mit sich. Wie trinkt man während des Laufens? Zwei hektische Schlücke, den Rest des Bechers ins Gesicht geschüttet und weiter! Mehr als die Hälfte war schließlich geschafft. Und das Ankommen war auch gesichert. Einen Shuttle-Service Richtung Ziel gab es nämlich nicht. Und da ich schlecht auf dem Deich stehenbleiben konnte, blieb nichts anderes übrig als durchzulaufen. Aber je näher das Finale rückte, desto einfacher wurde es. Jetzt' wo das Ende der Leiden absehbar war, packte mich noch der Ehrgeiz. Eine kurze Beschleunigung - und einige andere Läufer blieben erstaunlicherweise zurück.

Dann ein letzter Antritt und da war auch schon das Ziel. Geschafft. In der ersten Euphorie war selbst die Erschöpfung wie weggeblasen. "Der Halbmarathon wär' auch kein Problem gewesen", verkündete ich vollmundig und setzte mich erst einmal, um den Triumph in Ruhe auszukosten. Beim Aufstehen war es mit der Überheblichkeit allerdings vorbei. Die Waden schmerzten und machten mir den Rest des Tages bewußt, daß 10,8 Kilometer wohl doch genug waren. Aber Spaß gebracht hat's trotzdem. Und das Ergebnis war für den Anfang gar nicht mal so schlecht: Platz 127 in 56:03 Minuten.

Vielleicht sollte ich mich ja nächste Woche doch mal an einem Halbmarathon versuchen. Aber nicht auf dem Deich, sondern im Wald - da kann man sich ungesehen verdrücken!